Konflikte anders sehen – die eigenen Lebensthemen entdecken
(nach Verena Kast) / Pfarrer Dr. Heiner Kücherer
Impuls 1 (1.3.2026): „Ich komme immer zu kurz“
1) Komplexe sind nach innen genommene und verallgemeinerte, konflikthafte
Beziehungserfahrungen. In unseren Komplexen kommen wir daher mit zwei Polen in
Kontakt. Zum einen mit dem Kindpol (das verletzte, innere Kind), zum andern mit dem
Angreiferpol bzw. Erwachsenenpol (Vater, Mutter, Geschwister, die uns verletzt
haben). Was Vater, Mutter oder Geschwister über uns gesagt haben, nehmen wir oft
nach innen und sagen es über uns selbst; wie sie mit uns als Kind umgegangen sind, so
gehen wir später oft mit uns selbst um. Komplexhafte Reaktionen merken wir an uns
dann, wenn wir in Situationen überreagieren oder gar nicht reagieren. Das verletzte
innere Kind oder der innere Angreifer übernehmen dann die Regie. In einem Komplex
liegt ein Entwicklungspotenzial, unser Lebensthema, verborgen. Wir nähern uns
diesem Potential, indem wir uns in den Kindpol einfühlen und fragen, was das Kind das
wir einmal waren, in der Konfliktsituation gebraucht hätte – und als heutige
Erwachsene entsprechend selbst für uns sorgen.
2) Laura sagt von sich: „Ich komme immer zu kurz“. Als Kind war sie das jüngste von fünf
Geschwistern, die anderen vier waren eng mit den Eltern verbunden: „Die anderen
haben immer etwas miteinander gemacht. Bei mir hieß es bei allem: Du darfst nicht
mitmachen, du bist zu klein, du bist noch zu dumm, du musst noch warten.“ In ihrem
Kindpol fühlt sich Laura einsam und ausgeschlossen, Ärger, Wut, Trauer und Neid
lagern sich an. In ihrem Angreiferpol wertet sich Laura selbst ab: Ich bin zu klein, zu
dumm. Ihr Lebensthema: Wie lerne ich, meinen Selbstwert zu spüren und eigenen
Raum einzunehmen? Und wie kann ich den Neid auf andere überwinden und gönnend
werden? Für die Entwicklung des eigenen Lebensthemas ist es notwendig, Kindpol und
Angreiferpol in sich zu überwinden (Verena Kast: „opfern“). Ein gereifter Umgang mit
dem eigenen Komplex besteht in einer dritten Perspektive jenseits der beiden Pole:
Ich will Entscheidungen so treffen, dass ich gut für mich und andere sorge.
3) In der „Heilung des Gelähmten“ (Joh. 5, 1-9) hat es sich der Gelähmte in seinem
Kindpol („Bett“/“Bahre“) bequem gemacht. Vielleicht ist er als Kind vernachlässigt
oder überversorgt worden. Auf jeden Fall ist er in seiner Selbststeuerung zu kurz
gekommen: „Wenn ich aber hinkomme (zum heilsamen Wasser), so steigt ein anderer
vor mir ein.“ (V. 7). Jesus richtet den Gelähmten nicht einfach auf, sondern provoziert
seinen Lebenswillen und aktiviert seine Selbststeuerung: „Steh auf, nimm dein Bett
und geh hin!“. Eine heilsame Intervention, die eigene Verletzungsgeschichte zu sich zu
nehmen und Schritte ins eigene Leben zu gehen.
4) Lied zur Meditation: „Bewahre uns Gott, behüte uns Gott“ (EG 171) als Bild der
Selbstfürsorge. Was ist meine innere Quelle, mein inneres Brot?