Wege nach Innen
Vom Sinn der Angst - vier Meditationen zum Reifungsweg des Petrus
Vom Sinn der Angst
vier Meditationen zum Reifungsweg des Petrus
1) Mk. 1, 16-20: Petrus verlässt die Sicherheitsnetze
Jesus geht am Galiläischen Meer vorbei. Wenn Menschsein „ungesichert sein“ bedeutet, dann verdichtet die Szene den mutigen Schritt, angesichts des vorbeigehenden Gottes, mitzugehen und vertraute Gewohnheiten zu verlassen. Die Wurfnetze, mit denen wir Sicherheit organisieren, werden losgelassen. Markus betont: „Sogleich verließen sie (=die Jünger und Jüngerinnen) ihre Netze und folgten ihm nach.“ (Mk 1, 18). „Sogleich/alsbald“ ist ein Marker im Markusevangelium, kommt 41x vor undzeigt die Faszination der Nachfolge. Zugleich können wir in diesen Zwischenraum des „alsbald“ Angst und Zweifel imaginieren: Es ist mutig, die vertraute, aber angsterfüllte, enge Sicherheit zu überschreiten und sich auf einen riskanten Glauben, ein riskantes Vertrauen und die Weite des Lebens einzulassen.
2) Mt. 14, 22-32: Petrus agiert kontraphobisch
Zum Angsterleben gehören Anspannung, Ungewissheit, Bedrohung und Hilflosigkeit. Warum verlässt Petrus das Boot? Vernünftig wäre es gewesen, im Boot abzuwarten, wer da auf der stürmischen See entgegenkommt. Aber Petrus verlässt das Boot, autoritätsfixiert („Herr, bist du es, so befiehl mir…“). Ein kontraphobisches Verhalten, das eigene Angst verdrängt und sich am Außen festmacht. Die Energie, mit der wir Angst verdrängen, kommt allerdings umso wuchtiger auf uns zurück: Petrus versinkt im Offenen, realisiert seine Ohnmacht. Mutig wäre es gewesen, die eigene Angst zu erkennen und trotzdem das Ängstigende in Angriff zu nehmen – allerdings im Boot mit den anderen und nicht im narzisstischen Alleingang, etwas Besonderes sein zu wollen und dabei das eigene Nichts im Versinken zu erleiden.
3) Lk. 22, 54-62: Petrus gewinnt eine fluide Identität
Zum reifen Umgang mit Angst gehört es, Ambivalenz auszuhalten, die eigenen Elternfiguren als gute und zugleich böse wahrzunehmen und andere wie sich selbst als gute und zugleich böse einzuschätzen. Wo ins Eindeutige idealisiert oder entwertet wird, ist immer Angst im Spiel. In der Verleugnungsgeschichte kippt Petrus aus dem Idealisieren der Jesusfigur ins Entwerten: Er leugnet, zu Jesus zu gehören, also dem inzwischen gesellschaftlich markierten Bösen (V. 54). Das ist verständlich, sitzt er doch im Ringfeuer mit anderen (V. 55), geht es um den Kreis der Zugehörigkeit oder Ausgrenzung. Nachdem Jesus Petrus ansieht, erleidet Petrus seine eigene Ambivalenz, geht hinaus (aus dem Ringfeuer und allen Gruppenzugehörigkeiten) und weint bitterlich. Da ist er zum ersten Mal bei sich selbst angekommen und erlebt eine fluide, tränenflüssige Identität: als Mensch, der spürbar erkennt, dass er zugleich gut und böse ist.
4) Joh. 21, 15-19: Petrus lernt Hoffnung
Im Umgang mit Angst lernen wir, unsere eigene Identität zu entwickeln (ich liebe das Verb: wandeln). Dazu gehört die Akzeptanz, dass wir als Menschen gefährdet sind. Allerdings neigen wir dazu, unangenehme Ängste mit Geschäftigkeit zu verdrängen. Die erste Frage Jesu an Petrus: „Hast du mich lieber, als mich diese haben?“ provoziert noch einmal die narzisstische Grössenphantasie des Petrus, besonders sein zu wollen. Aber Petrus lässt sich nicht darauf ein, antwortet: „Herr du weißt, dass ich dich liebhabe (nicht: lieber!).“ Jesus fragt insgesamt dreimal, erinnert also an die dreifache Verleugnung des Petrus. Dieser wird darüber traurig. Trauer ist ein Innewerden der eigenen Ambivalenz, des Gut-Böse Seins. Keine Spur mehr von Idealisieren oder Entwerten. Das deutet auf einen Glauben hin, der Angst in sich aufgenommen hat. Solchermaßen gebrochener Glaube ist heilsam und seelsorglich bedeutsam. Dagegen ist ungebrochener, vermeintlich angstfreier Glaube Ideologie und wirkt toxisch.
Erneut erfolgt Jesu Anfangsimpuls „Folge mir nach“ (V. 19). Aber jetzt wird Petrus als gereifter Mensch, mit Bewusstsein für seine Angst und eigene Ambivalenz Jesus nachfolgen und „die Schafe weiden“, also Seelsorger werden – und nicht mehr vor seiner eigenen Angst in die Grandiosität seines Selbstbildes fliehen. Er wird Angst empfinden und Hoffnung stärken und sich „auf das Bessere (nicht das Beste!) hin entwerfen“ (Ernst Bloch).
„Nähmen wir unsere Ängste ernst und sähen wir, was sie verschließen, dann öffnete uns gerade diese Haltung die Bilder der Hoffnung und die Emotion der Hoffnung“ (Verena Kast, 219).
In Angst kommt es also darauf an, sich zur Hoffnung zu entschließen. Das wird dann ein offener Glaube werden, in dem – in allen Widersprüchen! - das Grundgefühl der Zuversicht wächst.
Literatur: Verena Kast, Vom Sinn der Angst. Wie Ängste sich festsetzen und wie sie sich verwandeln lassen, Freiburg u.a. 2014 (7. Aufl.)
Pfarrer Dr. Heiner Kücherer, heinrich.kuecherer@kbz.ekiba.de
